2014/2015

Philip Manow, Dr. rer. pol.

Professor für Politikwissenschaft

Universität Bremen

Geboren 1963 in Hamburg
Studium der Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg und der Freien Universität Berlin

Arbeitsvorhaben

Dinge und Orte der Demokratie

Was sagen uns die Praxis der Politik und die Mittel der Politik über die Politik? Die Wahlurne, das Parlamentsprotokoll, die Bannmeile, der Stimmzettel, die Großbildleinwand auf dem Parteitag, die Wahlkabine etc. - die Politik hat eine dingliche, praktische Seite. Diese strukturiert die Politik. Die politischen Dinge und Orte tragen ihre politische Bestimmung in sich, sind manifeste Handlungsanleitungen. Sie leiten das Handeln, sie enthalten "Voreinstellungen", verregelmäßigen das politische Geschehen. Betrete ich ein Wahllokal, so geben Wahlkabine und Wahlurne wie Stimmzettel mir den Wahlvollzug vor, definieren, "was zu tun ist", und ihre spezifische Anordnung konstituiert einen typischen politischen Ort. In einem Parlament bestimmen Rostrum, Zuschauertribünen, die Abgeordnetenränge und die Stenografenbank sowie das Parlamentsprotokoll, schließlich aber auch das Parlamentsradio und -fernsehen darüber, wer zu wem wie parlamentarisch spricht.
Die nähere Beschäftigung mit der demokratischen Praxis, mit den politischen Dingen und Orten, ist mit der Hoffnung auf eine andere Theorie der Demokratie verbunden. Dieses Unterfangen setzt sich bewusst ab vom weiterhin dominant ideengeschichtlichen Modus des Nachdenkens über die Demokratie. Dieses Vorgehen gründet sich auf der Einsicht, dass die politischen Denker, denen wir heute einen prominenten Platz in der Geschichte der Demokratietheorie zuweisen - etwa Rousseau, Montesquieu, Madison -, keine Demokraten waren und keine Demokraten sein wollten und dass sie das, was wir heute unter Demokratie verstehen, wohl nicht so bezeichnet hätten. Der Textkorpus, den wir Demokratietheorie nennen, kann somit dazu dienen, einen Abstand zu markieren zu dem, was wir heute als Demokratie praktizieren. Deren "Theorie" ist aber in vielerlei Hinsicht erst zu gewinnen - und zwar durch die Anschauung der Praxis.

Lektüreempfehlung

Manow, Philip. In the King's Shadow: The Political Anatomy of Democratic Representation. Cambridge: Polity Press, 2010.
-. "Kuppel, Rostra, Sitzordnung: das architektonische Bilderprogramm moderner Parlamente." In Parlamentarische Kulturen vom Mittelalter bis in die Moderne: Reden, Räume, Bilder, herausgegeben von Jörg Feuchter und Johannes Helmrath, 115-129. Düsseldorf: Droste-Verlag, 2013 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 164).
-. "Politische Aufschreibesysteme." Merkur 765 (2013): 148-154.

Dienstagskolloquium, 21.04.2015

Die demokratischen Dinge, Orte und Praktiken

Um was soll es in meinem Wiko-Projekt gehen? Um demokratische Dinge, Orte und Praktiken. Was motiviert diese Beschäftigung? Ich interessiere mich für Demokratie, möchte verstehen, wie sie funktioniert. Ich folge dabei bspw. einer Anregung Durkheims (paraphrasiert): 'willst Du eine Religion verstehen, schaue auf ihre Rituale, nicht auf ihre Theologie'. Ähnlich vermutet Roland Barthes, dass sich eine Gesellschaft vielleicht durch die Analyse ihres Zeichensystems "historisch leichter und zuverlässiger definieren" lässt als durch Analyse ihrer Selbstzeugnisse. Deswegen "haben wir wohl besseres zu tun, als direkt die ideologischen Inhalte unserer Zeit zu erfassen" (Barthes, 2013 [1961]: 26). Mein Zugang zur Demokratie erfolgt daher nicht (primär) über die Demokratietheorie.

Wie will ich vorgehen? Ich fürchte, mein Vorgehen ist etwas spielerisch und semi-wissenschaftlich. Mir schwebt ein - recht unorthodoxes - Inventar der politischen Dinge, Orte und Praktiken vor mit Einträgen wie 'Flechtslipper', 'Bannmeile', 'Silly Walks', 'Raute', 'Applausminuten', 'Büsumer Krabben' 'Gullydeckel' etc. (Hi German group - here are more exotic and completely useless German words for you!) In diesen Einträgen werden in eher essayistischer Form Fragen abgehandelt wie: Wie kleiden sich Politiker? Was essen sie, wie gehen sie, wie sprechen sie (kurz: wie repräsentieren sich politische Repräsentanten - oder wie präsentiert sich die Politik?)? Warum haben so viele Parlamente Kuppeln? Warum ist die National Mall in Washington DC einem Barockgarten nachempfunden? Warum ist die dominante parlamentarische Sitzordnung der Halbkreis? Warum gibt es parlamentarische Bannmeilen? Wie wird parlamentarisch abgestimmt? Wie hat das Handy den politischen Alltag verändert? [Wer einen ersten Eindruck von meiner Herangehensweise gewinnen will, kann die ersten fünf der o.g. Einträge - 'Flechtslipper' etc. - auf dem Wiko Board 2014/2015 >Tuesday Colloquia 2014/2015 einsehen.]

Gibt es für dieses Vorgehen Beispiele? Ja. Ich bin offensichtlich inspiriert von Barthes (Mythologies, 1957). Ein ähnliches Vorgehen wählen auch (Baecque, 2011) und (Schlögel, 2014). Theoretisch bin ich inspiriert von Barthes (bspw. Sprache der Mode, 1967), aber etwa auch von Vismann (Vismann, 2011, Vismann, 2012), einem ehemaligem Wiko-Fellow, die eine ähnliche (wenngleich viel ernsthaftere) Perspektive in ihrer Analyse des Rechts und seiner Medien eingenommen hat.

Wie könnte man das klassifizieren? Vielleicht als 'politische Semiotik'? Die zentrale Frage würde dann lauten, ob es eine symbolische Sprache der Demokratie gibt und was sie uns sagt? Ich muss aber gestehen, dass eine theoretische Einordnung dessen, was ich mache, mir doch eher egal ist. Wichtiger ist mir vielmehr die Frage, ob eine Analyse der Zeichenordnung des Politischen etwas zu einem besseren Verständnis der Demokratie und ihrem Funktionieren beitragen kann.

Baecque, A. d. (2011) La France de la révolution: Dictionnaire de curiosités. Paris, Éditions Tallandier.
Barthes, R. (2013 [1961]) Die Fotografie als Botschaft. IN Barthes, R. (Ed.) Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Frankfurt am Main, Suhrkamp.
Schlögel, K. (2014) Archäologie des Kommunismus, München, Carl Friedrich von Siemens Stiftung.
Vismann, C. (2011) Medien der Rechtsprechung, Frankfurt, S. Fischer.
Vismann, C. (2012) Das Recht und seine Mittel. Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main, Fischer.

Publikationen aus der Fellowbibliothek

Lectures on Film

Die Parlamentarisierung Deutschlands, 1890-1960 - ein Werkstattbericht

24.03.2015

Neues in der Bibliothek

Lehmbruch, Gerhard: Das Mouvement Républicain Populaire in der Vierten Republik

Lehmbruch, Gerhard: Das Mouvement Républicain Populaire in der Vierten Republik

Nomos

April 2016


Jahrbuch 2014/2015

Wissenschaftskolleg, Jahrbuch 2014/2015.

Wissenschaftskolleg, Jahrbuch 2014/2015.

pdf